Wie gewinnen Krankenhäuser heute Führungskräfte für Spitzenpositionen? Und warum sind Frauen in Führungspositionen im Gesundheitswesen noch immer deutlich unterrepräsentiert?
Über diese und weitere Fragen sprach Semiha Ünlü von der Rheinischen Post mit Dorothea Rickert, Gründerin und Geschäftsführerin der HealthCare Personalmanagement GmbH. Wir freuen uns, den vollständigen Beitrag mit freundlicher Genehmigung des Verlags veröffentlichen zu dürfen.
Interview von Semiha Ünlü mit Dorothea Rickert
Kliniken müssten umdenken, Frauen sich trauen, sagt Dorothea Rickert. Sie gründete vor mehr als 20 Jahren ihre Personalvermittlungsagentur für den Gesundheitsbereich.
Sie wollte Staatsanwältin werden, doch dann sah Dorothea Rickert eine Stellenanzeige – und landete in einer Branche, die sie seitdem nicht mehr losgelassen hat. Heute ist sie eine gefragte Personalberaterin im Gesundheitswesen und kämpft für etwas, das ihr am Herzen liegt: Frauen an die Spitze von Kliniken zu bringen und die gläserne Decke zu durchbrechen.
Rickert ist Gründerin und Geschäftsführerin der HealthCare Personalmanagement GmbH mit Sitz am Merowingerplatz in Düsseldorf-Bilk und hat sich auf Führungskräfte in Medizin, Pflege und Verwaltung spezialisiert. Seit mehr als 20 Jahren unterstützt sie Kliniken dabei, Schlüsselpositionen strategisch zu besetzen. Ihr Weg dorthin war alles andere als geplant: Wegen einer Juristenschwemme und langen Wartezeiten musste sie sich neu orientieren, stieß zufällig auf die Personalvermittlung – und entdeckte den Gesundheitsbereich als Feld mit großem Bedarf und ungenutztem Potenzial. Sie machte sich selbstständig und begann, Assistenzärzte zu vermitteln. „Wenn ich klein anfange, dann wird das Konzept aufgehen“, erinnert sie sich.
INFO
Mehr Personal und trotzdem Lücken
Mehr Personal Seit 2000 ist die Zahl der Krankenhausbeschäftigten um rund 313.000 gestiegen – ein Plus von 31 Prozent. Das zeigt das aktuelle „Fachkräftemonitoring“ der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).
Größter Arbeitgeber Mit rund 1,7 Millionen Beschäftigten zählt das Krankenhauswesen heute zu den bedeutendsten Arbeitgebern und Wirtschaftsfaktoren Deutschlands.
Zentrale Herausforderung Bis 2035 scheiden rund 300.000 Beschäftigte altersbedingt aus. Der Fachkräftemangel bleibt damit die größte Herausforderung im Gesundheitswesen.
Ein Markt, der enger geworden ist
Heute beschäftigt sich ihr Team aus 20 Beschäftigten mit Fragen wie diesen: Wie lassen sich Top-Führungskräfte gewinnen und binden? Was erwarten Chefärztinnen und Chefärzte von einem Klinikwechsel? Und wie müssen Krankenhäuser sich aufstellen, um im hart umkämpften Wettbewerb um Personal noch bestehen zu können?
Nicht nur der Markt, auch die Haltung der Menschen habe sich über die Jahre stark verändert. Früher sei es selbstverständlich gewesen, für den nächsten Karriereschritt umzuziehen. Heute seien Kandidatinnen und Kandidaten deutlich standortgebundener und „bedürfnisorientierter“, auch wenn es zum Beispiel um Fragen wie Arbeitszeiten gehe: „Wenn uns das nicht gelingt, in einem Radius von 100 Kilometern jemanden zu akquirieren, dann wird das schwierig“, sagt Rickert. Am ehesten lasse sich noch im kaufmännischen Bereich Personal finden (Stichwort Klinikfusionen wegen der Klinikreform), in hoch spezialisierten medizinischen Disziplinen werde die Suche immer schwieriger.
Viele Kliniken würden inzwischen eigene Recruiting-Strukturen aufbauen, über soziale Medien werben und versuchen, Bewerber mit ihren „Benefits“ zu überzeugen. Externe Personalberater würden oft dann ins Spiel kommen, wenn Positionen besonders anspruchsvoll sind. Zu Rickerts Kunden in Düsseldorf zählen demnach unter anderem das Evangelische Krankenhaus und die Kaiserswerther Diakonie, über die Stadtgrenzen hinaus auch zum Beispiel die St. Augustinus-Gruppe.
Frauen an der Spitze sind die Ausnahme
Doch ihr eigentliches Herzensthema ist ein anderes. „Die Medizin ist weiblich, die Führung ist männlich“, sagt Rickert. Zwar studieren viele Frauen Medizin (rund zwei Drittel der Studierenden sind weiblich), doch je höher die Hierarchie, desto weniger Frauen. Chefärztinnen sind noch immer die Ausnahme, Geschäftsführungen in weiblicher Hand ebenso.
In Düsseldorf gibt es zwar inzwischen sichtbare Beispiele: Katharina Faust übernahm 2024 an der Uniklinik etwa die Leitung der Neurochirurgie – traditionell eine Männerdomäne. Anne Schröer schaffte an der Paracelsus-Klinik den Sprung von der Pflegerin zur Klinikmanagerin. Und der Aufsichtsrat des Universitätsklinikums wählte 2023 wiederum Professorin Kirsten Schmieder zur Ärztlichen Direktorin. Solche Personalien bleiben aber auch in Düsseldorf eher Ausnahmen.
„Ich bin häufig die einzige Frau“
Doch warum? Frauen würden zögerlicher auftreten und sich seltener bewerben, wenn sie nicht wirklich jede Anforderung erfüllen. „Die unterschätzen sich“, sagt die Geschäftsführerin. Einige würden sich so regelrecht selbst ausbremsen. Hinzu kämen aber eben auch strukturelle Hürden – in den Gremien, die über Besetzungen entscheiden, seien Frauen noch immer unterrepräsentiert. „Ich bin ganz häufig die einzige Frau“, sagt Rickert über Aufsichtsräte und Auswahlrunden. „Da hat sich bis heute nicht viel geändert.“
Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bleibe ein Problem: In der Phase, in der es darum geht, Führungserfahrung zu sammeln und sein wissenschaftliches Profil zu schärfen, gründeten viele Frauen Familien. Flexible Arbeitszeitmodelle hätten sich zwar auf Oberarztebene durchgesetzt, sagt Rickert. Doch Jobsharing auf Chefarzt- oder Geschäftsführungsebene – das sei noch immer die Ausnahme.
„Eine Riesenchance für die Frauen“
Gerade in der Fachkräftekrise hätten Frauen jetzt dabei eine „Riesenchance“, meint Rickert. Sie müssten sich aber eben auch trauen. Und wer Kliniken zukunftsfähig machen wolle, müsse eben auch alte Muster hinterfragen und die Unternehmenskultur auf den Prüfstand stellen. Und echte Veränderungen zulassen.
Der Artikel wurde am 16.06.2026 in der Rheinischen Post veröffentlicht.